Das Völkerschlacht-Wetter 1813

Napoleons Russlandfeldzug 1812

Schnee im Libanon

Der extreme Januar 1709

Der miserable Sommer 1980

Der Sommer 1816 in Europa

1816 stellt für Europa einen Problemfall dar: der Sommer war kalt, aber nicht überall, und oftmals waren auch die Jahre vor und nach 1816 mit schlechten Sommern geschlagen. Schon Hans v. Rudloff hat festgestellt, daß für West- und Südeuropa das Jahrzehnt 1812 - 1821 bezogen auf die Sommer das kälteste der letzten 250 Jahre war. 1816 liegt also inmitten einer ganzen Serie oft europaweit schlechter Sommer, was Rudloff daran zweifeln ließ, ob der Tambora-Ausbruch die einzige bzw. Hauptursache für die Verhältnisse von 1816 darstellte [11]. Richtig an dieser Sicht ist sicherlich, daß man solch singuläre Jahre wie 1816 immer auch in Relation zu ihrem direkten zeitlichen Umfeld betrachten muß (3).

Ähnlich wie schon für New Haven habe ich daher aus den vorliegenden Meßreihen für 15 europäische Stationen für die Epoche 1801 - 1830 Temperaturanomalie-Diagramme für die jeweiligen Sommer erstellt. Diese Vorgehensweise bietet einen doppelten Vorteil: zum einen erhält man so, wie bereits erwähnt, das „richtige Umfeld“ für Vergleiche. Denn wären z.B. alle Sommer von 1801 - 1830 verglichen mit den heutigen um 2 - 3° zu kalt ausgefallen, und 1816 um 3,1°, so wäre zwar 1816 der absolut kälteste, aber eben für seine Zeit ein völlig normaler Sommer gewesen! Ein Ausbruch wie der des Tambora 1815 beeinflusst für ca. 1 - 2 Jahre das Klima, sein Signal (Temperaturerniedrigung) muß also in der entsprechenden Klimaepoche wahrnehmbar sein, nicht in der heutigen!

Der zweite Vorteil liegt darin, daß man durch solch „ereignisnahe“ Mittelungszeiten die Probleme ungenügend homogener Meßreihen stark vermindern kann. Bei allen der langen, bis ins 18. Jahrhundert zurückreichenden europäischen Meßreihen tritt nämlich das Problem auf, daß sich Instrumente und Meßumfeld im Laufe der Jahrhunderte oft mehrfach geändert haben. Jede solche Änderung kann schon einen scheinbaren, keineswegs reell vorhandenen, Temperatursprung bewirken. Zwar wurde in der Vergangenheit schon viel Mühe darauf verwendet, die langen Reihen um ebendiese Fehler zu korrigieren (zu „homogenisieren“), und erst in den letzten zwei, drei Jahren wurden z.B. für sieben der ältesten Reihen neue homogenisierte Daten veröffentlicht, aber selbst diese sind noch keineswegs das letzte Wort, wie die laufende wissenschaftliche Diskussion zeigt (4). Beschränkt man sich aber bei den Anomalie-Berechnungen auf einen 30-Jahres-Zeitraum, der das interessierende Jahr quasi einkesselt, so reduziert sich das Homogenisierungsproblem auf diese 30 Jahre. Natürlich könnte man auch jetzt noch Pech haben, daß genau 1815 an vielen Stationen gerade die als fehlerhaft erkannten Instrumente gegen neue ausgetauscht wurden oder der Meßort von Hauswandnähe auf die grüne Wiese verlegt wurde (und schon hätte man einen „kalten“ Sommer), aber bei - verglichen zur Gesamtlänge der Reihe - relativ kurzen Mittelungsperioden ist dieses Risiko noch vertretbar (5).

Nun aber zu den Ergebnissen! Die 15 von mir für diese Untersuchung ausgewählten Stationen decken einigermaßen gleichmäßig die Fläche Europas ab, siehe nachfolgende Tabelle 1.

Station

Höhe (m)

Breite

Länge

Fehlende Jahre

Edinburgh

134

55,9

-3,2

1830

Greenwich

7

51,5

0

-

De Bilt

15

52,1

5,18

-

Paris

53

48,8

2,5

-

Kopenhagen

9

55,68

12,55

-

Berlin

49

52,47

13,4

-

Karlsruhe

145

49,03

8,37

-

Mailand

103

45,43

9,28

-

Palermo

229

38,1

13,4

1802,1820

Trondheim

115

63,4

10,5

-

Stockholm

52

59,33

18,05

-

St. Petersburg

6

59,97

30,3

1801, 1802, 1803, 1804

Warschau

107

52,17

20,97

1801, 1802, 1803

Prag

365

50,1

14,25

-

Budapest

129

47,52

19,03

-



Beobachtungsmäßige Totalausfälle stellen leider die Iberische Halbinsel und der Balkan dar. In der Spalte „Fehlende Jahre“ in der Tabelle sind die Jahre aufgelistet, die nicht berücksichtigt werden konnten, weil in mindestens einem der Sommermonate ein Datenausfall in den benutzten GHCN-Datensätzen vorliegt.

Im folgenden werden nun für jede dieser Stationen ein Bild und eine Tabelle gezeigt. Das Bild stellt für den hier interessierenden Zeitraum 1801 - 1830 die Sommer-Temperaturabweichungen (in K) vom Sommermittelwert dieser Epoche dar. Die Tabelle dient zur besseren Einordnung der 1816er-Werte und listet daher, nach Epochen geordnet, das Jahr mit dem jeweils kältesten Sommer auf (Spalte 4, Spalte 5 zeigt die Temperaturanomalie für diesen Sommer). In der zweiten Spalte steht das jeweilige 30- bzw. 35-Jahresmittel der Sommertemperatur (um den Anschluß an die aktuelle Normalperiode 1960 - 1990 zu finden, sind zwei Epochen mit je 35 Jahren enthalten). Die Spalte „T-Breite“ gibt die in dem Zeitraum auftretende Spannbreite der Anomalien an. Mit dem Wert aus Spalte 5 kann man so sofort den Wert des heißesten Sommers berechnen; für Edinburgh z.B. trat zwischen 1801 und 1830 eine Spannbreite der Sommertemperaturen von 3,74 K auf. Da der kälteste Sommer (eben 1816) eine Abweichung von –1,49 K hatte, muß der heißeste Sommer dafür eine positive von 2,25 K besessen haben.



Edinburgh: kälteste Sommer

Epoche

Tmittel

T-Breite

Jahr

Tano

1771 - 1800

14,36

2,36

1774

-1,12

1801 - 1830

14,19

3,74

1816

-1,49

1831 - 1865

13,98

3,17

1860

-1,38

1866 - 1900

14,06

3,23

1888

-1,73

1901 - 1930

13,81

2,77

1902

-1,41

1931 - 1960

14,04

3,07

1931

-1,34

1961 - 1990

13,96

3,33

1965

-1,06

1771 - 1990

14,05

4,11

1888

-1,72

1816 belegt in dem Zeitraum 1771 - 1990 den 7. Platz, aber in der relevanten Epochenwertung Platz 3 (nach 1888 und 1879).




Greenwich: kälteste Sommer

Epoche

Tmittel

T-Breite

Jahr

Tano

1771 - 1800

16,71

3,33

1799

-1,24

1801 - 1830

15,79

5,21

1816

-2,39

1831 - 1865

16,12

4,21

1860

-1,99

1866 - 1900

16,33

3,66

1888

-1,63

1901 - 1930

15,91

3,47

1907

-1,17

1931 - 1960

16,81

2,97

1956

-1,48

1961 - 1990

15,71

2,71

1962

-1,43

1771 - 1990

16,21

5,41

1816

-2,8

1860 belegt in dem Zeitraum 1771 - 1990 den 2. Platz, 1888 aber nur den 12. Platz, in der Epochenwertung aber Platz 3. Das kälteste Jahr des Zeitraums 1831 - 1865 folgte direkt dem wärmsten, 1859 mit +2,21 K Abweichung.




Paris: kälteste Sommer

Epoche

Tmittel

T-Breite

Jahr

Tano

1771 - 1800

18,44

4,67

1795

-1,84

1801 - 1830

17,92

4,94

1816

-2,62

1831 - 1865

17,91

4,83

1860

-2,51

1866 - 1900

17,53

3,13

1882

-1,43

1901 - 1930

17,39

3,71

1909

-1,39

1931 - 1960

18,24

4,76

1956

-2,31

1961 - 1990

17,53

4,73

1978

-1,53

1771 - 1990

17,85

5,97

1816

-2,55

1816 belegt in dem Zeitraum 1771 - 1990 den 1. Platz, und in der relevanten Epochenwertung auch Platz 1 (knapp vor 1860 und 1956).




De Bilt: kälteste Sommer

Epoche

Tmittel

T-Breite

Jahr

Tano

1771 - 1800

16,37

3,96

1799

-1,71

1801 - 1830

15,85

4,71

1805

-1,85

1831 - 1865

17,18

5,27

1844

-2,18

1866 - 1900

18,17

3,71

1888

-1,43

1901 - 1930

17,47

3,91

1907

-1,81

1931 - 1960

17,58

6,33

1956

-3,18

1961 - 1990

16,16

3,86

1962

-1,59

1771 - 1990

17,01

6,74

1805

-3,01

1816 belegt in dem Zeitraum 1771 - 1990 den 2. Platz, und in der relevanten Epochenwertung Platz 5 (nach 1956, 1954 1844 und 1805). Man beachte die hohe Variabilität der mittleren Sommertemperaturen von Epoche zu Epoche!




Kopenhagen: kälteste Sommer

Epoche

Tmittel

T-Breite

Jahr

Tano

1771 - 1800

-

-

-

-

1801 - 1830

16,33

5,17

1821

-2,13

1831 - 1865

15,95

5,11

1841

-2,25

1866 - 1900

16,09

3,26

1888

-1,42

1901 - 1930

15,96

3,81

1902

-1,71

1931 - 1960

16,89

3,16

1931

-1,49

1961 - 1990

16,71

3,77

1987

-1,97

1801 - 1990

16,31

5,66

1841

-2,61

1816 belegt in dem Zeitraum 1771 - 1990 den 28. Platz, und rangiert auch in der Epochenwertung nur unter ferner liefen.




Berlin: kälteste Sommer

Epoche

Tmittel

T-Breite

Jahr

Tano

1771 - 1800

18,49

4,81

1800

-2,45

1801 - 1830

17,61

5,01

1816

-1,85

1831 - 1865

17,95

5,08

1844

-2,25

1866 - 1900

18,24

3,23

1888

-1,21

1901 - 1930

17,28

3,76

1923

-1,68

1931 - 1960

18,12

2,63

1956

-1,22

1961 - 1990

18,17

3,91

1962

-2,07

1771 - 1990

17,98

5,24

1923

-2,39

1816 belegt in dem Zeitraum 1771 - 1990 den 3. Platz, und in der relevanten Epochenwertung ebenfalls Platz 3 (nach 1800 und 1844).




Karlsruhe: kälteste Sommer

Epoche

Tmittel

T-Breite

Jahr

Tano

1771 - 1800

-

-

-

-

1801 - 1830

18,88

5,53

1816

-2,88

1831 - 1865

19,08

5,13

1860

-2,18

1866 - 1900

18,26

2,71

1882

-1,61

1901 - 1930

18,12

3,43

1913

-1,45

1931 - 1960

-

-

-

-

1961 - 1990

-

-

-

-

1801 - 1930

18,59

6,03

1816

-2,59

1816 belegt in dem Zeitraum 1801 - 1930 den 1. Platz, ebenso in der relevanten Epochenwertung. (Die fehlenden Jahre 1931 - 1990 werden beim nächsten Update nachgeliefert ...)




Mailand: kälteste Sommer

Epoche

Tmittel

T-Breite

Jahr

Tano

1771 - 1800

23,19

2,46

1799

-1,22

1801 - 1830

22,61

4,06

1816

-2,27

1831 - 1865

22,04

3,54

1843

-1,94

1866 - 1900

23,06

3,11

1896

-1,59

1901 - 1930

23,11

3,37

1912

-1,04

1931 - 1960

23,16

5,01

1954

-2,06

1961 - 1990

21,86

2,51

1977

-1,39

1771 - 1990

22,72

6,01

1843

-2,62

1816 belegt in dem Zeitraum 1771 - 1990 den 2. Platz, (nach 1843), aber in der Epochenwertung Platz 1. 1843 ist deshalb Gesamtsieger, weil die Epoche 1831 - 1865 deutlich kälter als das Gesamtmittel ist!




Trondheim: kälteste Sommer

Epoche

Tmittel

T-Breite

Jahr

Tano

1771 - 1800

13,77

5,24

1800

-3,17

1801 - 1830

13,72

5,43

1821

-2,08

1831 - 1865

13,45

5,76

1837

-2,01

1866 - 1900

12,99

3,71

1869

-1,82

1901 - 1930

12,91

5,21

1921

-2,43

1931 - 1960

13,25

3,34

1952

-1,23

1961 - 1990

12,37

3,51

1981

-1,41

1771 - 1990

13,21

6,73

1921

-2,74

1816 belegt in dem Zeitraum 1771 - 1990 den 72. Platz, und ist auch in der Epochenwertung nur unter ferner liefen zu finden.




Stockholm: kälteste Sommer

Epoche

Tmittel

T-Breite

Jahr

Tano

1771 - 1800

16,48

4,75

1790

-2,08

1801 - 1830

16,18

5,37

1821

-2,35

1831 - 1865

15,72

5,13

1832

-2,29

1866 - 1900

15,47

3,76

1867

-1,83

1901 - 1930

15,25

5,21

1902

-2,15

1931 - 1960

16,44

3,41

1931

-1,78

1961 - 1990

16,23

4,27

1987

-2,27

1771 - 1990

15,95

6,11

1902

-2,85

1816 belegt in dem Zeitraum 1771 - 1990 den 119. Platz, und ist auch in der Epochenwertung nur unter ferner liefen zu finden. Erwähnenswert: in der Periode 1901 - 1930 ging dem kältesten Sommer 1902 direkt der wärmste Sommer dieser 30 Jahre voraus (1901 mit +3,05 K).




St. Petersburg: kälteste Sommer

Epoche

Tmittel

T-Breite

Jahr

Tano

1771 - 1800

16,54

5,37

1790

-2,44

1801 - 1830

16,12

5,67

1821

-2,72

1831 - 1865

15,78

4,07

1862

-2,05

1866 - 1900

15,93

3,23

1892

-1,59

1901 - 1930

16,01

5,51

1904

-2,45

1931 - 1960

16,79

3,81

1958

-1,75

1961 - 1990

16,53

5,87

1962

-2,33

1771 - 1990

16,22

6,67

1821

-2,82

1816 belegt in dem Zeitraum 1771 - 1990 den 111. Platz, und ist auch in der Epochenwertung nur weit hinten zu finden..




Warschau: kälteste Sommer

Epoche

Tmittel

T-Breite

Jahr

Tano

1771 - 1800

18,19

4,51

1785

-1,99

1801 - 1830

17,68

6,77

1821

-2,85

1831 - 1865

17,91

5,14

1844

-2,25

1866 - 1900

17,98

3,01

1888

-1,31

1901 - 1930

17,57

3,76

1923

-1,73

1931 - 1960

18,02

2,27

1956

-1,29

1961 - 1990

17,15

3,23

1962

-1,32

1771 - 1990

17,77

6,76

1821

-2,93

1816 belegt in dem Zeitraum 1771 - 1990 den 29. Platz, und ist auch in der Epochenwertung nur weit hinten zu finden. ACHTUNG: in der Epoche 1771 - 1800 fehlen 10 Jahre, und in der Epoche 1931 - 1960 gar 13 Jahre; die „Warschauer Tabelle“ ist also nur eingeschränkt nutzbar.




Prag: kälteste Sommer

Epoche

Tmittel

T-Breite

Jahr

Tano

1771 - 1800

19,36

4,27

1799

-2,56

1801 - 1830

19,46

4,97

1821

-2,19

1831 - 1865

18,72

5,77

1844

-2,19

1866 - 1900

18,68

4,01

1882

-1,52

1901 - 1930

18,33

3,63

1913

-1,63

1931 - 1960

18,19

4,51

1956

-2,52

1961 - 1990

16,81

3,17

1978

-1,73

1771 - 1990

18,52

7,23

1978

-3,45

1816 belegt in dem Zeitraum 1771 - 1990 den 49. Platz, aber in der relevanten Epochenwertung Platz 4. Diese große Differenz rührt daher, daß die Periode 1801 - 1830 die wärmste des gesamten Zeitraums ist, fast 1° wärmer als das 220-Jahre-Mittel. Erstaunlich kühl fällt die aktuelle Periode 1961 - 1990 aus! ACHTUNG: In der Epoche 1931 - 1960 fehlen 10 Jahre!




Budapest: kälteste Sommer

Epoche

Tmittel

T-Breite

Jahr

Tano

1771 - 1800

22,16

3,14

1800

-1,63

1801 - 1830

21,38

4,67

1821

-1,98

1831 - 1865

21,45

4,43

1838

-1,58

1866 - 1900

20,93

2,93

1882

-1,43

1901 - 1930

20,69

3,84

1913

-1,96

1931 - 1960

21,27

3,47

1940

-1,74

1961 - 1990

20,79

3,01

1965

-1,36

1771 - 1990

21,21

5,56

1913

-2,46

1816 belegt in dem Zeitraum 1771 - 1990 den 10. Platz, aber in der relevanten Epochenwertung Platz 4. ACHTUNG: im Zeitraum 1771 - 1800 fehlen 9 Jahre!



Für Palermo gibt es keine Tabelle, da die Meßreihe leider zu kurz ist. Allerdings läuft sie von 1791 - 1868, der hier hauptsächlich interessierende Zeitraum ist also bestens abgedeckt.




















Die gezeigten Bilder und Tabellen enthalten reichlich Material zum Analysieren und Diskutieren. Hier interessiert aber nur das Abschneiden von 1816. Was sofort auffällt: man kann die 15 Stationen in zwei Gruppen zerlegen. In der „Südwestgruppe“, zu der Edinburgh, Greenwich, De Bilt, Paris, Berlin, Karlsruhe, Mailand, Palermo und Prag gehören, treten von (mindestens) 1810 - 1817 eine Reihe kühler - sehr kühler Sommer auf, kulminierend mit 1816 als dem kühlsten oder zweitkühlsten der 30-Jahres-Reihe. Zur zweiten Gruppe, der „Nordostgruppe“, gehören Kopenhagen, Trondheim, Stockholm, Warschau, St. Petersburg und Budapest. Zwar treten in dieser Gruppe zwischen 1812 und 1817 auch kühle Sommer auf, aber teilweise deutlich kältere kommen in den Jahren davor und danach vor. 1816 stellt dort auch nicht den kältesten Sommer, ist oft sogar nur unter ferner liefen zu finden (siehe Kopenhagen, Warschau, St. Petersburg). Prag und Budapest stellen in beiden Gruppen den Übergang zur jeweils anderen dar: Prag besitzt zwar die typische kalte Sommergruppe 1812 - 1817, aber der kälteste Sommer tritt erst 1821 auf. 1821 ist auch der kälteste Sommer in Budapest, und auch 1829, 1801 und 1805 sind sehr kühl, also das typische Verhalten der „Nordostgruppe“; aber Budapest besitzt auch ziemlich kühle Sommer in den Jahren 1813 - 1817, das Kennzeichen der „Südwestgruppe“.

In der „Nordostgruppe“ besitzt 1821 den kältesten Sommer; dieser Sommer fällt oft auch in der „Südwestgruppe“ sehr kühl aus. Dies hat zur Folge, daß im Mittel aller 15 Stationen 1821 mit einer Anomalie von –1,62° den kältesten Sommer besitzt und 1816 mit einer Anomalie von –1,61° dicht dahinter auf Platz zwei folgt. Mit schon deutlichem Abstand folgen die Jahre 1815 und 1813 (-0,96° bzw. -0,90° Anomalie).

Da also nur in einem Teil Europas 1816 den kältesten Sommer aufweist sowie der Umstand, daß gerade in diesem Teil 1816 in eine ganze Serie kühler Sommer eingebettet ist, somit kein singuläres Ereignis für diese Epoche darstellt, ließen Hans v. Rudloff daran zweifeln, den Tambora-Ausbruch als Ursache für den kalten Sommer 1816 anzusehen. Das erste Argument ist allerdings nicht so überzeugend, da eine durch eine Vulkaneruption bewirkte globale Abkühlung lokal durchaus auch zu warme Sommer aufweisen kann (darf). So gibt es ja auch bei den numerisch simulierten „Treibhaus“-Klimaten der nahen Zukunft Regionen auf der Erde, die kühler statt wärmer werden! Tatsächlich zeigt auch hier die Untersuchung von Baumringen ein weltweit gesehen deutlich zu kaltes Jahr 1816, mehr dazu im Kapitel „Das globale Klima 1816“. Schwerer wiegt da schon das zweite Argument, daß eben 1816 nur eines von vielen kühlen Jahren dieser Epoche darstellt und somit keineswegs etwas besonderes ist. Gerade die „Südwestgruppe“ zeigt dies recht eindrucksvoll. Mögliche Erklärung: der Tambora-Ausbruch 1815 war zwar der größte, aber keineswegs der einzige dieses Zeitraums, es gab noch mehrere andere, die insgesamt zu einer Jahre andauernden Abkühlung führten. Inwieweit diese These belegbar ist, wird noch im Kapitel „Vulkaneruptionen und Klimaschwankungen“ näher diskutiert.

Den obigen Tabellen kann man auch entnehmen, daß 1816 keineswegs der singulär kalte Sommer der letzten 220 Jahre (von 1990 an gerechnet!) in Europa war; selbst in der „Südwestgruppe“ treten eine ganze Reihe von 30-Jahres-Zeiträumen auf mit kälteren Sommern als es 1816 war. Auch hier bliebe zu untersuchen, ob man diese in ihrer Epoche jeweils sehr kalten Sommer mit Vulkanausbrüchen in Verbindung bringen kann. Man kann natürlich auch für den gesamten 220-Jahres-Zeitraum einen Europa-Gesamtsieger suchen, indem man das Anomalie-Mittel aller 15 Stationen ausrechnet. Wie schon mehrfach erwähnt, ist dies methodologisch fragwürdig, da zum einen die Meßreihen mit mehr oder weniger großen Inhomogenitäten belastet sind, zum andern ein „vulkankaltes“ Jahr sich von den direkt benachbarten Jahren klar hervorheben sollte - ob „All Time“ - Sieger oder nur zehnter spielt dabei eigentlich keine Rolle. Trotzdem dürfte wohl jeden Leser dieses Gesamtergebnis interessieren, zumal es auch gleichzeitig die Frage nach dem wärmsten Sommer beantwortet! Nun denn: der europaweit kälteste Sommer zwischen 1771 und 1990 findet sich im Jahre 1821 (-1,72° Anomalie), zweitplatzierter ist 1962 (-1,60°) und erst auf dem dritten Platz folgt 1816 (-1,57°). Auf den weiteren Plätzen: 1965, 1844 und 1956. Liest man die Rangfolge von hinten, so erhält man die heißesten Sommer. Sieger ist dabei 1826 (+2,46° Anomalie), gefolgt von 1947 (+1,92°) und 1781 (+1,74°). Wer sich für die Gesamtliste interessiert: im Anhang gibt es sie!

Auch interessant: die Spannbreite der Temperaturanomalien kann von Epoche zu Epoche sehr verschieden sein. Oder anders ausgedrückt: es gibt Jahrzehnte, in denen sich kalte und warme Sommer nur wenig temperaturmäßig voneinander unterscheiden, und dann aber wieder Zeiten, wo von Jahr zu Jahr oft krasse Unterschiede bei den Sommertemperaturen auftreten können. Als Beispiel zeigt das folgende Bild 22 für Berlin die Temperaturanomalien der Epochen 1801 - 1831 sowie 1931 - 1960.


Die T - Skala ist in beiden Diagrammen identisch, so daß man gut den großen Unterschied erkennt. Tatsächlich betrug zwischen 1801 und 1830 die jährliche mittlere Sommer-Temperaturanomalie 1,01 K, zwischen 1931 und 1960 jedoch nur 0,6 K. Aus den Daten aller 14 Stationen (ohne Palermo, siehe oben) läßt sich für jede der hier behandelten Epochen eine mittlere Temperatur-Anomalie berechnen; nachfolgende Tabelle zeigt die Ergebnisse:

Epoche

1771 -1800

1801 - 1830

1831 - 1865

1866 - 1900

1901 - 1930

1931 - 1960

1961 - 1990

T-Anomalie

0,87

0,95

0,94

0,68

0,83

0,83

0,75



1816 fällt also genau in die Epoche mit den größten Temperaturschwankungen! (Während vor allem die Jahre zwischen 1866 und 1900 in Europa offenbar bemerkenswert „ruhig“ verliefen ...) Auch hier kann man jetzt wieder darüber diskutieren, ob vermehrter Vulkanismus diese hohe Wechselhaftigkeit verursachte - umgekehrt müßte dann zwischen 1866 und 1900 eher unterdurchschnittliche Vulkantätigkeit zu finden sein. Ich komme auf diesen Punkt im Kapitel „Vulkaneruptionen und Klimaschwankungen“ wieder zurück.

Ähnlich wie schon bei New Haven wäre es sehr instruktiv, für den Sommer 1816 tatsächlich einmal eine Tagesreihe zu Gesicht zu bekommen. Dafür benötigt man eine Reihe, in der Tagesmaxima und –minima einzeln aufgelistet werden - ein Wert nur für das Tagesmittel ist leider wenig hilfreich (6). Tagesreihen, die diese Bedingung erfüllen und (mindestens) bis zum Jahr 1816 zurückreichen, sind auch in Europa ziemlich rar; trotzdem - einige existieren, und von zweien will ich hier die entsprechenden Sommerdiagramme für 1816 zeigen.

Da ist zum einen die sogenannte „Zentral-Belgien - Reihe“. Diese Reihe wurde aus mehreren belgischen plus einer holländischen Reihe (7) konstruiert und homogenisiert; sie beschreibt nun die Wetter-Verhältnisse von Uccle, einem 100 m hoch gelegenen Ort wenige Kilometer südlich von Brüssel [12]. Wenn man die obigen Diagramme betrachtet, so wird klar, daß Uccle sich im Gebiet der größten Sommerkälte im Europa des Jahres 1816 befindet. Also ein guter Platz, um die Extreme dieses Sommers zu studieren. Links oben nun das Diagramm für die Temperaturmaxima und –minima des Sommers 1816 in Uccle:

Beim Betrachten dieser Reihe stellt sich wieder der „New Haven-Effekt“ ein: wirklich spektakuläres ist eigentlich nicht zu entdecken! Vor allem tritt an keinem einzigen Tag dieses Sommers Nachtfrost auf. Trotzdem ist das Wetter natürlich für Sommerverhältnisse schlecht: nur zwei Tage mit Tmax > 25°, meist unter 20° und speziell die erste Juni- sowie die zweite Augusthälfte fallen ziemlich kühl aus. Für Uccle normal im Sommer wären mittlere Tagesmaxima zwischen 22 und 23°, und nachts zwischen 11 und 12°.

Die zweite Tagesreihe (Bild links unten) stammt aus Prag, und sie sieht noch „harmloser“ aus als die von Uccle. Hier muß man aber natürlich berücksichtigen, daß das Sommer-Temperaturmittel zwei bis drei Grad höher als in Belgien liegt. Für Prag sind aber auch die täglichen Regenmengen dieses Sommers bekannt: so fielen im Juni an 25 Tagen insgesamt 132 mm Regen, vor allem vom 18. - 20. (68 mm), im Juli dann nurmehr 59 mm an 18 Tagen und im August schließlich 66 mm an 13 Tagen. Wegen der Regenmenge sowie der hohen Zahl an Regentagen und Höchstwerten meist um 20° erweist sich somit der Juni des Jahres 1816 in Prag als wahrhaft scheußlicher Sommermonat. Bemerkenswert ist aber, daß sowohl in Prag, als auch in Belgien und dem Nordosten der USA (siehe erstes Kapitel) die erste Juni-Dekade das schlechteste Wetter dieses Sommers aufweist!

Läßt man alle Daten und Diagramme dieses Kapitels Revue passieren, so ergibt sich ein recht komplexes Bild des Sommers 1816 in Europa: es gab Regionen mit viel zu kaltem, aber auch solche mit normalem bzw. gar zu warmem Sommer. Und bei den zu kalten Regionen kann man wiederum differenzieren in solche, wo der 1816er Sommer zu den kältesten der (mindestens) letzten 220 - 230 Jahre gehört, und solche, wo andere Jahre 1816 noch klar überbieten (besser: unterbieten) an Wetterungunst. Insgesamt gesehen verliert also der Sommer 1816 bei Analyse der vorliegenden instrumentellen Meßreihen viel von seinem legendären Ruf. Man fragt sich, warum z.B. der Sommer 1821 nicht ebenso schlecht beleumundet ist; schließlich war dieser der europaweit Schlechteste des Zeitraums 1801 - 1830 und sogar der „Gesamtsieger“ 1771 - 1990! Die Anomalie-Diagramme zeigen nun aber, daß 1821 besonders im Norden und Osten Europas sehr schlecht war, Teilen Europas also mit schlechterer historischer Quellenlage verglichen mit der von West- und Mitteleuropa, jedenfalls zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Aber liegt es wirklich nur an ungenügender historischer Überlieferung? Oder ist der Zusammenhang zwischen schlechtem Sommer und Mißernte nicht so eindeutig? Betrachten wir einmal die drei größten ökonomischen Krisen des 19. Jahrhunderts in Europa, nämlich die von 1805, 1816/17 und 1846/47.

1803 und 1804 gab es in weiten Teilen Europas schlechte Ernten. 1805 schließlich kam es dann zu regelrechten Hungersnöten: so wird berichtet, daß im März in Schlesien Katzen gegessen wurden und in Göttingen ließ die Stadtverwaltung zwischen Juni und September Brot und Suppe an Bedürftige ausgeben [13]. Tatsächlich war der Sommer 1805 gerade in Frankreich, Deutschland und Benelux (aber auch weiter im Osten) ziemlich schlecht - in De Bilt sogar noch kälter als der von 1816. Die Sommer von 1803 und 1804 hingegen sind normal bzw. teilweise sogar zu warm. Es fällt auch keiner der Einzelmonate Juni/Juli/August durch eine krasse Abweichung auf, so daß die Mißernten jener Jahre nicht einfach pauschal durch Betrachtung simpler Temperaturmittelwerte zu erklären sind.

Die Krise von 1816/17 war wohl schwerwiegender, zumal in ihrem Gefolge eine Typhus-Epidemie sich über Europa ausbreitete. In einigen Städten Deutschlands wurden Bäckereien und Metzgereien geplündert; Nürnberg und wiederum Göttingen gaben in den Sommermonaten 1817 Brot und Suppe an Arme aus. Die Getreidepreise erreichten historische Spitzenwerte, nicht nur in Deutschland, sondern auch in England und Frankreich, wo Getreidetransporte oft nurmehr unter massivem Polizeischutz stattfinden konnten [2]. Und in der Schweiz war der Sommer so kalt und verregnet, daß die Heuernte buchstäblich ins Wasser fiel, die Milch- und damit Käseproduktion stark vermindert war und das Getreide nass geerntet werden mußte, so daß es teilweise in den Speichern verschimmelte [14]. Diese Versorgungskrise West- und Mitteleuropas kann also durch den sehr schlechten Sommer 1816, gefolgt vom mäßig schlechten Sommer 1817, ganz gut erklärt werden. Ins Bild passt, daß (mir zumindest) keine entsprechend dramatischen Berichte aus Nord- und Osteuropa bekannt sind - waren dort doch wie gezeigt diese Sommer deutlich besser als im Westen.

Berüchtigt ist die Krise von 1846/47 vor allem durch die sogenannte „Kartoffel-Hungersnot“ in Irland, die ca. 1 Million Iren das Leben kostete und eine ähnlich hohe Zahl nach Amerika emigrieren ließ. Verbreitet wurde in diesen Jahren die Kartoffelernte durch Fäulnis verdorben, aber auch die Getreideernte war schlecht. Das hatte direkte Wirkung auf die Preise dieser Grundnahrungsmittel, wie nebenstehendes Bild 24 am Beispiel Oldenburgs zeigt. (Butter war zu dieser Zeit ähnlich wie Fleisch noch Luxusgut und daher, da so oder so teuer, von den Preissteigerungen nicht so betroffen.) In Ostpreußen und Schlesien wurden durch die Hungersnot mit anschließender Typhusepidemie ganze Dörfer entvölkert [15]. Diese schwere Krise aber auf klimatische Unbill zurückzuführen fällt nicht leicht, denn die Jahre 1846/47, jedenfalls was das Sommerhalbjahr angeht, sind in den meisten Teilen Europas nicht weiter negativ auffällig . (So zeigen z.B. die Niederschlags- und Temperaturreihen von Dublin für diese Jahre ziemlich durchschnittliche Werte.) Im Gegenteil, der Sommer des Jahres 1846 war vielfach in Europa sehr warm. Aber nur zwei Jahre vorher findet sich mit dem Sommer 1844 einer der europaweit kältesten sowohl dieser Epoche als auch des gesamten 220-Jahres-Zeitraums! Und auch die Sommer der Jahre 43 und 45 waren recht schlecht. Aber das Oldenburg-Diagramm zeigt, wie erst im Laufe von 1845 die Preise langsam ansteigen, um dann ab der zweiten Jahreshälfte von 1846 steil nach oben zu gehen. (Im Jahre 1844 ereignete sich allerdings der durch miese Lebensbedingungen und akute Hungersnot ausgelöste Aufstand der schlesischen Weber, denen Gerhart Hauptmann mit seinem berühmten Drama „Die Weber“ ein literarisches Denkmal setzte.)

Diese Beispiele demonstrieren, daß man nicht jede historische Nahrungsmittelkrise mit vorangehender schlechter Witterung erkären kann, wie umgekehrt auch nicht jeder schlechte Sommer zu akutem Mangel führte.

1816 stellt (in Europa) für sich alleine betrachtet somit nichts wirklich singuläres dar, weder vom Wetter noch von der Versorgungskrise her gesehen - das Besondere dieser Jahre liegt vielmehr, wie schon mehrfach erwähnt, in der Serie schlechter bis sehr schlechter Sommer in West-, Süd- und Mitteleuropa, die ihren kalten Höhepunkt dann mit dem Sommer 1816 hatte.



Zum nächsten Kapitel: Das globale Klima 1816

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