© Wolfgang Rammacher, 2004/2010
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Der Sommer 1816 in den USA
Der Begriff Jahr ohne Sommer ist, wenn ich das richtig sehe (?), in den USA entstanden. Beim Blick ins Internet findet man eine Vielzahl von Seiten, die sich mehr oder weniger ausführlich mit diesem Year without a summer beschäftigen, und auch ganze Bücher wurden schon darüber geschrieben. Das hat seine Ursache darin, dass speziell der Nordosten der USA im Sommer 1816 von sehr schlechtem und kaltem Wetter heimgesucht wurde: so war der Juni 1816 an vielen Orten der kälteste der letzten 220 Jahren (d. h. seit es instrumentelle Wetterbeobachtungen in den USA gibt, nämlich seit 1779) und in den Neuenglandstaaten fiel sogar Schnee [2], [7]. Verständlicherweise prägt sich solch extremes Wettergeschehen lange ins Gedächtnis einer Nation ein und wird schließlich zu einer Art Wetterlegende, eben dem Jahr ohne Sommer.
Aber wie verlief dieser Sommer nun konkret? Die erste Kältewelle begann am 6. Juni und dauerte bis zum 11. Sie war verbunden mit sehr kalten Ostwinden und brachte gebietsweise im Norden der Neuenglandstaaten 5 - 15 cm Schnee. Auch in Kanada kam es dabei zu größeren Schneefällen: aus Montreal wird von Schneefällen zwischen dem 6. und 8. Juni berichtet, und nahe Quebec häuften sich bis zum 10. Juni 30 cm Schnee an. Um den 9. Juli herum traten dann wieder Nachtfröste auf und ebenso in der letzten Augustdekade. Belegt wird dies alles zum einen durch etliche instrumentelle Meßreihen, hier vor allem zu nennen die Reihe der Yale-Universität, die seit 1779 läuft sowie die von New Hampshire, zum andern aber auch durch viele Erlebnisberichte aus dieser Zeit. Am meisten beeindruckt hat die Leute dabei - wen wundert's - der echte Wintereinbruch in der ersten Juni - Dekade mit seinen Schneefällen. Danach setzte aber schönes Wetter ein und die Farmer machten sich an eine zweite Aussaat, um die erfrorenen Pflanzen zu ersetzen. Aber die zweite Kältewelle zwischen dem 5. und 9. Juli machte mit offenbar starken Nachtfrösten (in Maine gefroren Wasserflächen über Nacht) diese Arbeit wieder teilweise zunichte. Zwischen 12. Juli und 20. August kam dann aber der Sommer zurück, nur um in der letzten Augustdekade erneut mit kräftigen Nachtfrösten zuzuschlagen: wieder erfror ein großer Teil der Ernte. Dies führte zwar zu erheblichen Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln, aber anscheinend nicht zu einer Hungersnot; im Gegenteil, manches gedieh besser als sonst: in manchen Gegenden gab es sehr gute Ernten bei Weizen und Roggen, auch Gemüse gedieh bestens. Hart getroffen wurde hauptsächlich der Mais, wo höchstens die Hälfte des Üblichen geerntet werden konnte [2], [7].
Aus
solchen Agrarberichten lassen sich aber zumindest
Abschätzungen für die Länge der Wachstumssaison
gewinnen (wobei allerdings unklar ist, welches Wachstum gemeint ist -
vermutlich hier nur die Getreidesaison zwischen Aussaat und Ernte).
Nebenstehende Grafik zeigt für die Jahre 1790 - 1840 die Länge
dieser Saison für den Süden von New Hampshire und den Osten
von Massachusetts [7]. Eine kurze Saison läßt auf kaltes
Wetter mit häufigen (Nacht) - Frösten zwischen Frühjahr
und Herbst schließen. Und tatsächlich findet man 1816 mit
60 - 80 Tagen die mit Abstand kürzeste Saison - was gut mit den
Zeiten korrespondiert, die nach Zeitzeugen-Berichten dem Getreide zum
Reifen blieb zwischen den verschiedenen Frosteinbrüchen dieses
Sommers, siehe oben zitierte Berichte. Die Problematik solcher
Abschätzungen sieht man aber bei Vergleich der Zahlen für
1815: denn nur ein Jahr vor dem miserablen Jahr 1816 weist mit rund
240 Tagen Massachusetts die längste Wachstumssaison dieser
Jahrzehnte auf, New Hampshire aber mit 100 Tagen die
viertschlechteste der Reihe! Und da zwischen dem östl.
Massachusetts und dem südl. New Hampshire nur maximal 200 km
liegen, sind solch drastische Unterschiede für dasselbe Jahr
nicht ganz zu verstehen (2).
Diese ganze Schilderung läßt nun doch leichte Zweifel aufkommen, ob der Begriff Jahr ohne Sommer wirklich angebracht ist. Einige kalte Sommertage und eine teilweise Mißernte dürfte es wohl in vielen Jahren gegeben haben. Auch Schneefälle Anfang Juni im Nordosten der USA dürften angesichts des zu Extrema neigenden Klimas von Nordamerika mehrfach im Laufe der letzten 220 Jahre aufgetreten sein - allerdings habe ich keine Daten dazu. Für mehrere Orte in Neuengland liegen aber tägliche Instrumentenmessungen der Temperatur vor, so daß man am konkreten Beispiel den Sommer 1816 überprüfen kann. Nachfolgende Abbildung 5 zeigt zwei dieser Reihen.

Die
dünne schwarze Linie im Diagramm für New Haven stellt den
durchschnittlichen Temperaturverlauf dar. Bei den Temperaturen gilt
es zu beachten, daß es die Werte für den Mittagstermin
sind. Die täglichen Maximaltemperaturen werden aber gerade im
Sommer meist erst am späteren Nachmittag erreicht - tatsächlich
liegen die mittleren täglichen Maximaltemperaturen in
Connecticut z.B. meist zwischen 24° und 26° im Sommer. Man
ersieht aus den Diagrammen, daß schon die beiden ersten
Maidekaden ziemlich kühl ausfielen; der Kälteeinbruch in
der ersten Juni - Dekade stellt so im Prinzip nur eine Fortsetzung
der schlechten Maiwitterung dar. Danach wird die Witterung deutlich
besser, die Höchsttemperaturen am Nachmittag sollten öfters
die 25°-Grenze überschritten haben. Der oben erwähnte
Kälteeinbruch Ende August ist in den Mittagstemperaturen nur
schwach zu erkennen. Für New Haven liegen auch Regenmessungen
vor: so fielen im Juni rund 93 mm ( = 112 % des Mittels 1804 - 1820,
nach 1820 brechen die Regenmessungen leider für mehrere
Jahrzehnte ab), im Juli nur 29 mm ( = 28 % des Mittels) und im August
41 mm ( = 40 % des Mittels). Der Sommer 1816 fiel in New Haven
insgesamt also zu trocken aus, ohne aber zu einem richtigen
Dürresommer zu werden.
Ehrlicherweise muß man sagen, daß diese Tagesreihen weniger eindrucksvoll (schlecht) aussehen, als es die zeitgenössischen Berichte erwarten ließen. Aber hier trügt ein wenig der mitteleuropäische Blick; die Sommer in Neuengland sind nämlich im Schnitt um einige Grade wärmer als hierzulande. Wie schlecht 1816 wirklich war zeigt somit nur ein Vergleich der Abweichungen der Sommertemperaturen vom langjährigen Mittel für diese Gegend. Langjährig ist aber ein dehnbarer Begriff; Standard in der Klimatologie ist eine 30-Jahresperiode, die man heranzieht zur Berechnung der Mittelwerte. Daran orientiere ich mich und habe die Periode 1801 - 1830 benutzt für die Berechnung der mittleren Sommertemperaturen. Grundlage sind die mittleren täglichen Temperaturen und ausgeführt wurde die Berechnung nur für New Haven - aus dem simplen Grund, daß leider nicht mehr bis 1801 zurückreichende (vollständige) Neuengland-Meßreihen im GHCN-Klimaarchiv von NOAA [10] zu finden sind.
Nebenstehendes
Bild 6 zeigt das Ergebnis. Dargestellt sind die jährlichen
Abweichungen von 1801 - 1830 vom Sommermittel dieses Zeitraums. Und
tatsächlich ist der Sommer 1816 der kälteste dieses
30-Jahres-Zeitraums, mit einer negativen Abweichung von fast 2,5 K
vom Mittel. Fast genauso schlecht fiel dann der Sommer des
Folgejahres aus. Aber auch die Sommer 1814 und 1815 waren zu kühl,
noch kühler der von 1812. Nun kann man natürlich nicht von
den Messungen an nur einem Ort auf den Witterungscharakter einer
ganzen Region rückschließen. Vielleicht war der Sommer
1816 schon wenige hundert km nördlich oder südlich von New
Haven deutlich besser (oder noch schlechter) ausgefallen. Was die
Anzahl an instrumentellen Meßreihen angeht, ist für Europa
die Situation deutlich besser, wie wir im nächsten Kapitel sehen
werden. Aber auch für Nordamerika läßt sich eine
einigermaßen flächendeckende Temperaturabschätzung
gewinnen, wenn man sogenannte Proxydaten heranzieht. Das sind
Daten/Messungen, die einen indirekten Schluß auf die in der
Vergangenheit herrschenden Temperaturen ermöglichen. Hier vor
allem von Bedeutung sind Messungen der Dicke und Beschaffenheit von
Baumringen, die klar aufzeigen, daß vor allem im Nordosten von
Nordamerika 1816 kaltes Sommerwetter herrschte. Mehr zur Methodik der
Baumringmessungen und zu den globalen Verhältnissen im Kapitel
Das globale Klima 1816.
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